Die zwei Seiten der Medaille

Wer mit gesundem Menschenverstand das Gebaren gewisser Exponenten unserer Wirtschaft, sei es aus Politik, Wirtschaft oder unserem direkten Umfeld, verfolgt hat, dem war es klar. Das letzte halbe Jahr hat es erwiesen. Gier ist offensichtlich ein urmenschlicher Trieb. Sei es die Gier nach Drogen, die den Süchtigen Tag für Tag nur ein Ziel verfolgen lässt, nämlich sich neue Drogen beschaffen zu können, sei es die Gier nach noch mehr Geld, die Arbeitnehmer wie Unternehmer und Anleger den gesunden Menschenverstand vergessen und Moral über Bord werfen lässt.

Von der Natur lernen wir, dass der Geburt unweigerlich der Tod folgt, dem Sonnenaufgang der Sonnenuntergang folgt, der Ebbe die Flut folgt. Wir gelangen zur Erkenntnis, dass jede Medaille zwei Seiten hat. Deshalb mussten und müssten wir eigentlich wissen, welche Folgen Gier zwangsläufig haben muss.

Ganz im Gegensatz zur Drogensucht, die „lediglich“ die Gesundheit des Süchtigen ruiniert und sein direktes Umfeld psychisch belastet, und trotzdem von Teilen kriminalisiert wird, hat die bislang allgemein geförderte Sucht nach Wachstum und noch mehr Geld, mit den Glaubenssätzen des reinen Kapitalismus und der Globalisierung kombiniert, verheerende Konsequenzen für die gesamte Menschheit. Unterstützung fanden diese Glaubenssätze in Teilen von Links mit dem Bild des idealisierten Gutmenschen bis Rechts mit der Forderung nach beinahe uneingeschränkter wirtschaftlicher wie persönlicher Entfaltung.

Die Konsequenzen sind heute bereits erkennbar. Staaten sind gezwungen, mittels Finanzspritzen und Bürgschaften „systemisch relevante“ Unternehmen zu stützen  und für massiv höhere soziale Kosten infolge Arbeitslosigkeit aufzukommen. Nebenbei bemerkt: Wäre es nicht Aufgabe der Kartell- und Wettbewerbsbehörden gewesen, genau diese „systemische Relevanz“  zu verhindern?  Die ohnehin angespannten Staatshaushalte sind mit der Finanzierung der Aufwendungen für Finanzhilfen und Sozialleistungen überfordert. Sie müssen in einem ersten Schritt Kredite aufnehmen. Solange es sich um wenige Staaten (USA, Deutschland, Frankreich, Island, Lettland, Ungarn, Ukraine) handelt, vermag die Weltgemeinschaft die Kredite noch aufzubringen. Doch was geschieht, wenn sich deutlich mehr Staaten genötigt sehen, gleich zu handeln? Weil die Weltgemeinschaft dann die Mittel dafür nicht mehr aufbringen kann, bleibt dem einzelnen Staat nur die Möglichkeit, zur Deckung  des Finanzbedarfs neues Geld zu drucken. Das aber hat erhebliche Inflationsrisiken der Währung der betroffenen Staaten zur Folge, was gerade für den EURO gravierende Auswirkungen hat.

Für mich steht ausser Frage, dass sich die gesamte Weltwirtschaft in einer unaufhaltsamen Spirale befindet, die in eine seit 1929 nicht mehr erlebte massive Inflation führt. Als Folge daraus droht unweigerlich eine Währungsreform. Ob Marks und Engels recht bekommen mit ihrer Prognose, dass sich der Kapitalismus selbst zerstört?
Die Mehrheit der heutigen Menschheit hat von den Wirtschaftsturbulenzen vor 80 Jahren und den daraus resultierenden Folgen besten Falls aus Schulbüchern erfahren. Mir stellt sich die Frage: Hat die Menschheit dazugelernt, oder erleidet unsere Generation dasselbe Schicksal?
Besonders brisant erscheint mir die Entwicklung in jenen Staaten, die vor gerade mal 20 Jahren den Glaubenssätzen des Kommunismus abgeschworen und sich der demokratischen Völkergemeinschaft und dem Kapitalismus angeschlossen haben. Werden jene Betroffenen sich nicht betrogen fühlen und sich nach den „alten Zeiten“ zurücksehnen?

Ich bin weit davon entfernt, mich dem Schicksal zu ergeben und die Entwicklung einfach hinzunehmen. Ich meine: Es ist noch nicht zu spät, weltweit eine neue Ordnung für Wirtschaft und politisches Handeln zu finden, so wie sich die Staaten einst mit der UNO eine Ordnung für das Völkerrecht geschaffen haben. Aber es muss endlich damit angefangen werden, auch in der Schweiz!
Wieso bietet die Schweiz der Völkergemeinschaft nicht eine neu zu erfindende Plattform an, ganz im Sinne Ihrer guten Dienste?
Zuvor aber ist es erforderlich, dass sich jede Nation, so auch die Schweiz, besinnt und neu definiert. Welches sind unsere Werte? Wofür soll die Schweiz künftig stehen? Was sind unsere Visionen? Gemeinden, Kantone und Bundesbern werden wohl kaum Zeit haben, sich nebst dem politischen Alltagsgeschäft auch dieses anspruchsvollen Themas anzunehmen.

Deshalb mein Vorschlag: Lasst uns einen runden Tisch bestücken mit den klügsten und meist respektierten Köpfen unseres Landes, wie etwa Christoph Blocher, Angeline Fankhauser, Anita Fetz, Ursula Haller, Nicolas Hayek, Helmut Hubacher, Otto Ineichen, Franz Jäger, Frank A. Meyer, Adolf Ogi, Beatrice Tschanz und Jean Ziegler, die sich ähnlich einem Verfassungsrat dieser schweren Aufgabe annehmen!

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